Humortheorie

Vorbemerkung

Man kann sich das Wesen der beiden Begriffe „Humor“ und „Witz“ recht einfach und anschaulich an ihrer Aussprache verdeutlichen.
Witz ist wie der sich auf ihn reimende und wesensverwandte „Blitz“ etwas schnelles, kurzes mit nicht anhaltender Wirkung, dafür augenblicksintensiv.

Humor wird eher langsam ausgesprochen, hat zwei dunkle Vokale („u“,“o“), die in Tiefe ziehen oder wirken, dem Wort Tiefe verleihen.
Jeder Laut hat einen gewissen Ausdrucks- und Eindruckswert. Es gibt einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Wort und den zugrunde liegenden oder dadurch ausgedrückten Vorgängen, lautliche Gleichnisse sozusagen.
In dem Sinne wie und warum der „Uhu“ zu seinem Namen gekommen ist - eben weil er „Uhu“ ruft.
So hat „Humor“ einen klanglichen Bezug zum „Moor“, dem dunklen und gefahrvollen oder „Humus“, dem feuchten Nährboden – ein tiefgründiger und sehr fruchtbarer Nährboden also für Gedanken.
Deutlich wird das Wesen des Humors im Galgenhumor, wenn z.B. ein Mensch, der zum Galgen geführt wird, die Szene kommentiert: „Na, die Woche fängt ja gut an!“
Ich denke, Humor ist im Vergleich zum Witz keine Eintagsfliege, enthält tiefgründige Weisheit oder spielt mit elementaren Fragen, wie Leben, Liebe, Tod und Vergänglichkeit...
Natürlich sind Humor und Witz nicht anhand von Regeln erlernbar, denn „Humor ist, was man niemals hat, sobald man’s definiert.“, wie es treffend Rudolf Presber formuliert hat.
Jedoch kann man ihre Charakteristika und Unterschiede herausstellen, um sie besser zu verstehen und vielleicht auch zu würdigen.
Es ist wie in der Malerei oder beliebigen anderen Kunstformen – das rein Technisch-Handwerkliche kann man erlernen, aber Künstler muss man sein, ebenso ist es mit dem Humor bzw. dem Humoristen.
Wahrer und tiefer Humor ist ebenso wie wahre und tiefe Kunst immer Ausdruck des Genies, spontaner schöpferischer Kraft - nie Folge eines methodischen Vorgehens!

Die folgenden Seiten wollen nicht belehren, sondern einfach nur einen theoretischen, wie praktischen Überblick geben über humoristische Ausdrucksformen und die ihnen zugrundeliegenden Regeln.
Mögen sie als Quelle der Inspiration dienen.

Der Humor

Humor

Nach Freud besteht „das Wesen des Humors darin, dass man sich Affekte erspart, zu denen die Situation Anlass gäbe und sich mit einem Scherz über die Möglichkeit solcher
Gefühlsäußerungen hinaussetzt.

Als Beispiel führt er einen Menschen an, der zum Galgen geführt wird und die Situation mit der Bemerkung kommentiert: „Na, die Woche fängt ja gut an!
Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Großartiges und Erhabenes.

"Es ist der Humor, der dem Leser die Stimmung beiträgt, dass er inmitten des Ernstes und der Langenweile dieses Jammertals eine Auffassung der Dinge gibt, die uns über uns selbst hinaus schwingt und alle Dinge dieser Welt aus einer großen Höhe geringer erscheinen lässt, besonders die unerfreulichen.“ (Engel, deutsche Stilkunst)

Ludwig Reiners ist hier etwas ausführlicher:
Humor lässt die Welt gelten, wie sie ist. Der Ernst der Wirklichkeit wird weder geleugnet noch vertuscht. Aber er nimmt die Dinge weiter, weil er sie mit dem notwendigen Abstand betrachtet und aus diesem Abstand jedes Geschehnis in größerem Zusammenhang sieht. Der mürrische Ernst, mit dem die meisten den jeweiligen Augenblick, die Sorge dieser Stunde, die Bedeutung des jetzt vor ihnen liegenden Problems empfinden und überschätzen, ist ihm fremd.
Während dem gewöhnlichen Menschen der heutige Alltagsärger erst nach einem Jahr belanglos erscheint und zum heiteren Gesprächsstoff herabsinken wird, betrachtet der Humor die Widerwärtigkeit der Welt schon heute aus jener Entfernung, in der die Dinge auf ihr wirkliches Maß zusammenschrumpfen, und blickt auf sie mit der gelassenen Überlegenheit, welche das Dunkle erhellt und das Bittere versüßt. Diesen Abstand hat der humorvolle Geist vor allem zu seiner eigenen Person. Er vermag sein Ich nicht so wichtig zu nehmen, dass es ihm den Blick auf die Welt versperrt; er kann daher die Komik der Welt auch noch in Situationen empfinden, die den Ewig-Ernsten nur in seiner Würde kränken.
Und wie er den Verdruss des Tages nur in dem Zusammenhang der Zeit sieht und entgiftet, so ordnen sich für ihn auch ernstere Probleme in den Rahmen einer höheren Ordnung, der ihnen das Unbedingte nimmt und ihre heitere Seite dem Menschenauge preisgibt.
Der Humor weiß zu gut, wie bunt, wie wandlungsfähig, wie vielgestaltig alles Irdische ist, von dem Druck des Weltlaufs befreit er sich, indem er seinen gelassenen Blick zu dem Ewigen hinüberschweifen lässt. Denn sein Auge umfasst die Welt: er steckt nicht in dem Gehäuse erstarrter Überzeugungen, sondern lässt Dinge und Menschen gelten, wie sie ihm begegnen. Vor dem Witz hat er die Liebe voraus … Indem er die Wirklichkeit weder verleugnet noch überschätzt, lebt er in seinem Reich innerer Freiheit. Er kann die Dinge anscheinend spielerisch behandeln, grad, weil er sie ernst nimmt. Er sieht die Welt nicht aus der Menschen-, sondern aus der Gottesperspektive.

Der Witz lacht, der Humor lächelt. Der Witz ist geistreich, der Humor liebevoll. Der Witz funkelt, der Humor strahlt. Der Witz entlarvt die Unzulänglichkeit der Welt, der Humor hilft uns über sie hinweg.
Das Fundament des Humors ist die Aufgeschlossenheit gegenüber der Welt. Die Bitterkeit des Daseins versucht er nicht zu bestreiten, sondern er lebt darüber hinweg: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.


Christian Morgenstern fasst diesen Gedankengang noch knapper und tiefer:
„Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom Standpunkt des Unendlichen aus.
Oder: Humor ist das Bewusstwerden des Gegensatzes zwischen Ding an sich und Erscheinung und die daraus entspringende souveräne Weltbetrachtung, welche die gesamte Erscheinungswelt vom Größten bis zum Kleinsten mit gleichem Mitgefühl umschließt, ohne jedoch ihr einen anderen als relativen Gehalt und Wert zugestehen zu können.
Der Humor ist somit die höchste aber auch die schwerste aller Weltbetrachtungen; denn er lehrt uns das tiefste Leid und Elend nur als eine Phase aufzufassen, die, aus dem Zusammenhang des Weltlebens gerissen, für sich allein keine absolute Beurteilung gestattet



Hier ein paar typische Beispiele:

Der Werwolf
Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

„Der Werwolf“ - sprach der gute Mann,
„des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man‘s nennt,
den Wenwolf, - damit hat‘s ein End.“

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste,
Zwar Wölfe gäb‘s in großer Schar,
doch „Wer“ gäb‘s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.
(Christian Morgenstern)

Unfrei
Ganz richtig, diese Welt ist nichtig.
Auch du, der in Person erscheint,
Bist ebenfalls nicht gar so wichtig,
Wie deine Eitelkeit vermeint.

Was hilft es dir, damit zu prahlen,
Daß du ein freies Menschenkind?
Muß du nicht pünktlich Steuern zahlen,
Obwohl sie dir zuwider sind?

Wärst du vielleicht auch, sozusagen,
Erhaben über Gut und Schlecht,
Trotzdem behandelt dich dein Magen
Als ganz gemeinen Futterknecht.

Lang bleibst du überhaupt nicht munter.
Das Alter kommt und zieht dich krumm
Und stößt dich rücksichtslos hinunter
Ins dunkle Sammelsurium.

Daselbst umfängt dich das Gewimmel
Der Unsichtbaren, wie zuerst,
Eh du erschienst, und nur der Himmel
Weiß, ob und wann du wiederkehrst.
(Wilhelm Busch)


Die Ahnung

Ich trank meinen Morgenkaffee und ahnte nichts Böses.
Es klingelte. Ich ahnte noch immer nichts Böses.
Der Briefträger brachte mir ein Schreiben.
Nichts Böses ahnend, öffnete ich es.
Es stand nichts Böses darin.
Ha! rief ich aus. Meine Ahnung hat mich nicht betrogen.
(Erich Mühsam)

Der Globus

"Wo sitzt", so frug der Globus leise
und naseweis die weise, weiße
unübersehbar weite Wand,
wo sitzt bei uns wohl der Verstand?

Die Wand besann sich eine Weile,
sprach dann: "Bei dir - im Hinterteile!"

Nun dreht seitdem der Globus leise
sich um und um herum im Kreise -
als wie am Bratenspieß ein Huhn,
und wie auch wir das schließlich tun -
dreht stetig sich und sucht derweil
sein Hinterteil, sein Hinterteil.
(Joachim Ringelnatz)

Bumerang

War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum - noch stundenlang -
Wartete auf Bumerang.
(Joachim Ringelnatz)

Eine kleine Zitatsammlung:
"
Witz ist Schaum an der Oberfläche, Humor die Perle aus der Tiefe."
(Peter Sirius)

"An dem Punkt, wo der Spaß aufhört, beginnt der Humor."
(Werner Finck)

"Die verborgene Quelle des Humors ist nicht Freude, sondern Kummer."
(Mark Twain)

"Der Humor ist der Regenschirm der Weisen."
(Erich Kästner)

"Humor ist der Knopf, der verhindert, daß einem der Kragen platzt."
(Joachim Ringelnatz)

"Echter Humor gebraucht nie seine Kraft gegen Wehrlose."
(Karl Julius Weber)

"Humor ist die Medizin, die am wenigsten kostet und am sichersten hilft."
(Deutsches Sprichwort)

"Humor ist überwundenes Leiden an der Welt."
(Jean Paul)

"Humor ist Sonnenschein des Geistes."
(Lord Bulwer-Lytton)

Der Witz

Der Witz

Bei Ludwig Engel (deutsche Stilkunst) findet man für den Witz folgende Charakterisierungen:
Der Witz ist „fragmentarisches Genie“, ist die „Rettung aus dem Widerstreit der Gegensätze des Lebens und er entsteht nur durch scharfen Zusammenprall dieser Gegensätze … durch das knisternde Überspringen des Funkens von Pol zu Gegenpol zweier einander genäherter elektrischer Drähte.
Der Reiz des Witzes besteht in der Blitzbeleuchtung der Gegensätze. Er ersetzt eine lange Beweiskette durch das Aufblitzen ihres letzten Gliedes.“
Der Witz ist Würze, nicht Speise. Ein Gran zuviel an Würze verdirbt die ganze Speise.
Der Witz ist ein blankes, schneidendes Schwert, das zu häufig geschwungen, auf den zurückspringt, der es schwingt. Er ist eine gute Waffe, aber doch mehr eine des Schwachen als des Starken, mehr des Gedrückten als des Herrschenden.“
Zum Wesen des Witzes gehört seine schnelle Abnutzung. Nicht bloß durch das zu häufige Anbringen, sondern durch ein Nachlassen der inneren Sprungfedern der Gegensätze.
Alle Dinge sind im Fluss, alle Gegensätze schleifen sich ab, mit ihnen ihr Erzeugnis, der Witz.
Der Witz wird nicht gefunden, am wenigsten von dem, der ihn sucht.
Aus der Wolke ohne Wahl zuckt der Strahl. Wenn die Gabe geworden, alles im hellsten Licht und zugleich im tiefsten Schatten zu schauen, dann glückt der Witz ungesucht.


Bei Marie von Ebner-Eschenbach findet man die folgenden Aphorismen zum Wesen oder zur Charakterisierung des Witzes:

"Der Witz ist ein brillanter Emporkömmling von zweifelhafter Abstammung."

"Ein guter Witz muss den Schein des Unabsichtlichen haben. Er gibt sich nicht dafür, aber siehe da, der Scharfsinn des Hörers entdeckt ihn, entdeckt den
geistreichen Gedanken in der Maske eines schlichten Wortes. Ein guter Witz reist inkognito."

"Der Witzling ist der Bettler im Reich der Geister; er lebt von Almosen, die das Glück ihm zuwirft — von Einfällen."

Der eigentliche Witz ist nie gesucht oder vorbereitet, sondern eine „Eingebung des Augenblicks.“
"Witz" reimt sich nicht von ungefähr auf „Blitz“.

Wesen des Witzes ist die Überraschung, wo anderes erwartet wird.

Feuchtersleben sagt über den Witzeschreiber:
Der Schreiber ist am größten im Witze, wenn er den Verstand hat, nicht zu witzig zu sein, wenn er in jedem Satze etwas Treffendes sagt und nicht nur des Witzes willen, mehr als dieses Treffende sagt.

Ludwig Reiners sieht es im wesentlichen genau so:
Witz ist „die unerwartete Zusammenstellung von Gegensätzen.
Die Zusammenfügung der Gegensätze muss durch den Fluss der Geschehnisse sachlich und unauffällig begründet sein.
Um einem Witz die Farbe der Echtheit zu geben, muss der Erzähler die Einleitung etwas breiter ausmalen, um die Zuhörer ganz in jene Stimmung zu versetzen, aus der sie nachher der verblüffende Gegensatz herausreißen soll.

Ein exemplarisches Beispiel, das alle wesentlichen Charakteristika des Witzes in sich trägt:

Papst Leo XIII. stellte einmal einen bayerischen Kammerdiener ein. Xaver Hornbichler aus Niederaibling. Hornbichler muss ihn jeden Morgen wecken und sagen was für Wetter ist.
Am ersten Morgen sagt Xaver: ‚Eir Heiligkeit, acht Uhr, schön Wetter is!‘
‚Ich danke dir, mein Sohn‘, erwidert der Papst, ‚der liebe Gott und seine Heiligkeit wussten es bereits.‘
Am folgenden Tag die gleiche Meldung und die gleiche Antwort.
Am dritten Tag hat Xaver verschlafen, trotzdem meldet er ‚Eir Heiligkeit, acht Uhr, schön Wetter is!‘
‚Ich danke dir mein Sohn, der liebe Gott und seine Heiligkeit wussten es bereits.‘
‚An Dreck wissts alle zwoa, halba neune is’s und regna tuats!‘


… um die Überraschung herauszubringen, werden einige gedankliche Zwischenglieder nur angedeutet. Der gute Witz lässt vor der Pointe einige gedankliche Zwischenglieder aus und begnügt sich damit, auf sie anzuspielen.
Der Witz ist die „spielende Betrachtung der Dinge“, denn „der Mensch ist im Leben von der Wirklichkeit bedingt und bedrängt. Diese Enge sprengt er, wenn er die wirkliche Bedeutung der Dinge außer Acht lässt und sie einen Augenblick lang losgelöst vom Lebensganzen betrachtet.
Für den Witz ist der Ernst des Lebens nicht vorhanden, er geht über ihn hinweg, indem er seine witzigen Gebilde aus dem Lebensganzen herausschneidet.

Ähnlich auch Siegmund Freud:
Der Witz ist „die Fertigkeit, mit überraschender Schnelle mehrere Vorstellungen, die nach ihrem inneren Gehalt und dem Nexus, dem sie angehören, einander eigentlich fremd sind zu einer Einheit zu verbinden.
Er arbeitet in den Bereichen oder mit den Mitteln: “Vorstellungskontrast“, „Sinn im Unsinn“, „Verblüffung und Erleuchtung

Noch zwei abschließende Beispiele:

Zwei Kannibalen essen einen Clown. Meint der eine: „Schmeckt irgendwie komisch.“

Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.

Das Wortspiel

Das Wortspiel

Anstatt theoretischer Betrachtungen oder Kategorisierungen lasse ich hier die Beispiele für sich selbst sprechen.

„Warum muss der Meyer sitzen? Weil er gestanden hat.“

Oder in höchst konzentrierter Form:

wird der Zahlmeister zum Scheinwerfer,
der Schutzmann zum Abführmittel,
der Packträger zum Tragiker
und der Scharfrichter zum Hauptkassierer.

(Ähnliche Gedankengänge haben mich zu den „Wortbildern“ inspiriert.)

Trauerspiel und Trauerernst
Tunichtgut und Tunichtböse
Neugierig und altgierig
Familiär und famillionär

Unser heutiges Brot gib uns täglich.“

Nicht jeder Mann ist glücklich, der sich für weise hält, aber jedermann ist weise, der sich für glücklich hält.

Wieviel besser ist es über die Freude zu weinen, als sich über das Weinen zu freuen.
Ein guter Psychiater ist ohne weiteres in der Lage dich in seine Lage zu versetzen.
Man soll niemandem etwas nachtragen, wir haben alle schon genug zu schleppen.

Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, der ist gewiss nicht von den Besten.
(Goethe)
Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.
(Schleiermacher)
Die Erfahrung besteht darin, dass man erfährt, was man nicht zu erfahren wünscht.“
Das menschliche Leben zerfällt in zwei Hälften, in der ersten wünscht man die zweite herbei, und in der zweiten wünscht man die erste zurück.
(beide aus Sigmund Freud: „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten.“)

Behörden- oder Kanzleideutsch

Behörden oder Kanzleideutsch

Das Grundproblem besteht hier in der übermäßigen Verwendung von Hauptwörtern, wodurch höchst abstrakte und im Grunde nach wenigen Worten nicht mehr nachvollziehbare Gedankengänge entstehen.
Wenn auch in der Absicht eher zweckorientiert, sind diese Formulierung doch ungewollt komisch, fast schon auf eine tragische Art, eben durch die Verzweiflung, die sie beim Adressaten oder Leser hervorrufen, dem sich der Sinn einfach nicht erschließen will, weil der Verstand immer wieder mitte im Satz aushakt und man wieder und wieder von vorne beginnen muss.

Die nachfolgenden Beispiele sind der „Stilfibel“ von Ludwig Reiners entnommen.

Beispiel 1 – hier wird das ganze Dilemma am deutlichsten sichtbar:
Von Cäsar kennt man den Satz: „Ich kam, sah, siegte.
Die Abwandlung im Behördendeutsch könnte in etwa lauten:
Nach erfolgter Ankunft und Besichtigung der Verhältnisse war mir die Erringung des Sieges möglich.

Beispiel 2
Was die Entscheidung über Fragen einer Erhöhung der vorgesehenen Kosten der Errichtung der Umfriedung und die hierdurch gegebenenfalls nötige Erhöhung der Beanspruchung der Anlieger nach Maßgabe des Umfangs ihrer Beteiligung angeht, so bleibt die weiterer Erwägung vorbehalten.

Beispiel 3
Die Vorschriften über Strafaufschub finden auf Gefängnis oder Haftstrafen, die an Stelle einbringlicher Geldstrafen festgesetzt sind, mit der Maßgabe Anwendung, dass das Gericht über Gewährung der Strafaussetzung erst beschließt, sobald feststeht, dass der Fall der Vollstreckung der Ersatzstrafe gegeben ist.

Beispiel 4 – Papierdeutsch in unterwürfiger Form:
Euer königlichen Majestät Allerhöchste Sauen haben meine alleruntertänigsten Kartoffeln gefressen.

Gott, der Beamte

Man kann das Ganze auf die Spitze treiben, wenn man gängige, eher prosaische und gut lesbare Texte ins Kanzleideutsch übersetzt, wie ich es hier getan habe:

Gott der Beamte - der Sündenfall auf bürokratisch

Gott:
Wer wissentlich oder unwissentlich einer Neigung zum Genuss einer am Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hängenden Frucht Folge leistet,
haftet für alle an seinem eigenen Leib sowie den an dem aufgrund der Verletzung der Schöpfungsbestimmungen verursachten Schaden, der nach Maßgabe der o.g. Bestimmungen eine Haft- oder Verbannungsstrafe aus dem hier kurz „Paradies“ genannten Zustande der Glückseligkeit in einen Zustand des eigenverantwortlichen Unglücks zur Folge haben wird.

Adam:
Ist obengenannte Neigung zum Genuss einer am Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hängenden Frucht nun Folge des Nachgebens eines Dranges nach Befriedigung leiblicher Befindlichkeiten, also der Aufnahme fester, leicht verdaulicher Ballaststoffe mit wohligem Beigeschmack, die einen Zustand der physischen Sättigung zur Folge haben, nach Maßgabe der o.g. Schöpfungsbestimmungen ebenfalls mit Haft- oder Verbannungsstrafen belegt oder hat bereits die gedankliche Erwägung der Möglichkeit eines solchen Nachgebens eines Dranges nach Befriedigung leiblicher Befindlichkeiten zumindest eine Erwägung oder gar Inkraftsetzung strafrechtlicher Konsequenzen nach o.g. Bestimmungen zur Folge?

Gott:
Die Vorschriften über die Verhängung von Haft- oder Verbannungsstrafen finden nach Maßgabe der o.g. Schöpfungsbestimmungen Anwendung, sobald der Neigung zum Genuss einer am Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hängenden Frucht Folge geleistet wurde, d.h. die eindeutige Feststellung des Genusses vorliegt oder ein entsprechender Nachweis erfolgt ist.
Was die Entscheidung über Verbannungs- oder Haftstrafen infolge Erwägung der Möglichkeit des Nachgebens eines Dranges nach Befriedigung leiblicher Befindlichkeiten angeht, so ist dies nach dem Umfang der Möglichkeit ihres Inkrafttretens weiterer Erwägung vorbehalten.

Eva:
Erwäge ich nun die Inkraftsetzung der Möglichkeit eines Nachgebens eines Dranges nach Befriedigung o.g. leiblicher Befindlichkeiten durch Veranlassung solcher Inkraftsetzung durch eine Person meiner Umgebung, unterliegt also die Verantwortung der Inkraftsetzung im Gegensatz zur diesbezüglichen Erwägung nicht direkt meiner Zuständigkeit – muss ich in diesem Fall trotzdem mit Erwägung oder Inkraftsetzung von Haft- oder Verbannungsstrafen nach Maßgabe o.g. Schöpfungsbestimmungen rechnen oder ist in diesem Falle die Möglichkeit einer Strafaussetzung in Erwägung zu ziehen?

Gott:
Die Erwägung der Inkraftsetzung der Möglichkeit eines Nachgebens eines Dranges nach Befriedigung o.g. leiblicher Befindlichkeiten durch Veranlassung solcher Inkraftsetzung durch einen Mittelsmann erfüllt nach eingehender Erwägung ebenfalls den Straftatbestand der Feststellung des Genusses einer Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, der keiner weiteren Erwägung bedarf und die Erwägung von Haft- oder Verbannungsstrafen nach Maßgabe der o.g. Schöpfungsbestimmungen nach sich zieht.
Die Vorschriften über die Gewährung von Strafaussetzung finden mit der Maßgabe Anwendung, dass das Gericht über die Vollstreckung der Strafaussetzung erst beschließt, sobald der Fall der Vollstreckung der Folgeleistung einer Neigung zum Genuss einer am Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hängenden Frucht festgestellt wurde oder der Nachweis der Vollstreckung einer Ersatzstrafe gegeben ist.

Schlange:
Erwäge ich nun die Inkraftsetzung einer Erwägung der Möglichkeit eines Dranges nach Befriedigung leiblicher Befindlichkeiten einer Person weiblichen Geschlechts mit Folge deren mittelbarer Inkraftsetzung der Vollstreckung der Erwägung der Möglichkeit des Genusses einer Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, also Folgeleistung jenes Dranges und Vollstreckung seitens einer Person männlichen Geschlechts, nach wie erwähnt erfolgter Veranlassung der Vollstreckung seitens der Person weiblichen Geschlechts, liegt also der von mir bezeugte Nachweis der Feststellung vor, so ist die Erwägung der Entscheidung einer Strafaussetzung für die Person weiblichen Geschlechts doch in Erwägung zu ziehen?

Gott:
Die Inkraftsetzung der Erkenntnis der unterschiedlichen Geschlechtlichkeit beider Personen erfolgt erst nach beiderseitiger Vollstreckung der Neigung zum Genuss einer am Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hängenden Frucht, kann also nicht Gegenstand einer im Vorfeld jener Vollstreckung nach inkraftgesetzten Erwägungen von Möglichkeiten in Betracht gezogenen Erwägung sein.
Nach Maßgabe der o.g. Schöpfungsbestimmungen jedoch ist die Vollstreckung der von Ihnen erwägten Möglichkeit der Inkraftsetzung einer Erwägung der Möglichkeit eines Dranges nach Befriedigung leiblicher Befindlichkeiten einer Person, der eine Rippe fehlt mit Folge deren unmittelbarer Inkraftsetzung der Vollstreckung der Erwägung der Möglichkeit des Genusses einer Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, also Folgeleistung jenes Dranges und Vollstreckung seitens einer Person, die im Besitz einer zusätzlichen Rippe ist, aus deren Aufarbeitung die andere Person zur Existenz gelangte, aufgrund des Verursacherprinzips die Person, der die Vollstreckung nachgewiesen wurde direkt und alle anderen Personen, die die Entscheidung der Vollstreckung wissentlich oder unwissentlich herbeigeführt haben, nach Maßgabe der Strafvorschriften mit Haft- oder Verbannungsstrafen belegt.

Kurz: HINAUS!

Rätsel

Rätsel

Hier liegt eine ganz besondere Form der Sprachakrobatik vor.
(entnommen aus Sigmund Freud: „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten.“)
Die Auflösungen der Rätsel finden Sie im Anschluss.

Rätsel 1
Die beiden ersten finden ihre Ruhestätte
Im Paar der andern, und das ganze macht ihr Bette.


Rätsel 2
Die erste Silb‘ hat Zähn und Haare,
Die zweite Zähne in den Haaren.
Wer auf den Zähnen nicht hat Haare,
Vom Ganzen kaufe keine Ware.


Rätsel 3
Die erste Silbe frisst,
Die andere Silbe isst,
Die dritte wird gefressen,
Das ganze wird gegessen
“.

Rätsel 4
Von der letzten umschlungen
Schwebt das vollendete Ganze
Zu den zwei ersten empor.




Auflösungen

Rätsel 1: Totengräber
Rätsel 2: Roßkamm
Rätsel 3: Sauerkraut (Sau-er-Kraut)
Rätsel 4: Galgenstrick

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